Der gnadenhafte DeSoto Costum 4 door, Baujahr 1950

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(st.) – Was für ein unbehagliches Wort: „Gnade“! „Gnade“, das ist etwas, das sich meist nur in einer sehr asymmetrischen Interaktion aktiv ausüben bzw. passiv empfangen lässt. Entweder man ist der Gnadengeber und somit in einer äußerst privilegierten und tendenziell herablassenden Position; oder aber man ist der Gnadenempfänger und somit ein armes Würstchen. Mit dieser vertikalen Logik begnadigt der Diktator den reumütigen Rebellen, der Präsident den inhaftierten Whistleblower, der Boss den kleinen Angestellten und der autoritäre Vater den mit einer 5 in Mathe nach Hause gekommenen Sohn, – sofern er, er oder er Lust dazu haben. „Gnade“, das ist ein Begriff aus dem Lustgarten der Macht.

Sicherlich, die Weltgeschichte und, mehr noch, die Weltliteratur kennen tausende grandiose Gnadengeschichten, die vor Edelmut und großen Gefühlen nur so überschäumen. Eine dieser Geschichten erzählt von Gott, dem höchsten aller Diktatoren, Präsidenten und autoritären Vätern auf der einen, oberen Seite und dem sich mit der Erbsünde infizierten Menschen auf der anderen, ganz unteren Seite. Alles in diesem Setting schreit förmlich nach – „Gnade“!! Was sonst außer „Gnade“ könnte diese Versagergeschichte noch am Leben erhalten?! Allein mit dem Universalheilmittel der „Gnade“ kann dieses bereits kurz nach Beginn völlig aus dem Ruder gelaufene Experiment noch als aus dem Ruder gelaufenes und durch Jesus Christus schließlich ansatzweise gerettetes Experiment weitererzählt werden.

Spätestens an dieser Stelle hören schätzungsweise 50 Prozent der Leser auf, weiterzulesen. Zu Recht! Die einen sind verärgert, die anderen – gelangweilt. Bei den Verärgerten entschuldige ich mich, den Gelangweilten kann ich nur vorschlagen: Vergessen wir diese unbehagliche „Gnade“!

Reden wir lieber vom DeSoto Costum 4 door, Baujahr 1950: Ein riesiger, typisch US-amerikanischer Blechhaufen mit üppigen Kurven und viel Chrom: Ästhetisch eine Zumutung, nostalgisch ein Traum, komfort-technisch eine Hollywoodschaukel. Das passende Auto, um in Havanna den Malecón hinunter zu cruisen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Eine herrliche Geschichte, die mir seit Längerem nicht mehr aus dem Kopf gehen will, erzählt Paul Auster in seiner 2013 erschienenen biografischen „Altersskizze“ mit dem Titel: „Winterjournal“. In ihr erinnert sich der amerikanische Schriftsteller in einer fast fußnotenartigen Randbemerkung daran, wie er vor über 60 Jahren als 5jähriger einmal auf dem Rücksitz des brandneuen Familienautos, eines dicken blauen DeSoto, Baujahr 1950, saß und, nur noch wenige Minuten von Zuhause entfernt, plötzlich ein exponentiell anwachsendes Bedürfnis in seiner Harnblase verspürte. Für little Paul war klar: 5jährige Jungen sind vernunftbegabte, sich und ihre Körperfunktionen voll im Griff habende, viel von der Welt und den Tricks und Kniffs des Baseballspiels verstehende Wesen, weshalb 5jährige Jungen unter keinen Umständen in die Hose machen. Andererseits: Was sollte er machen? Seine Blase war voll, voller, am vollsten. Er sagt seiner Mutter, was los ist, sie sagt, es gebe keine Möglichkeiten anzuhalten, er presst sich die Hände in den Schoß, bereit zum finalen Kampf auf Leben und Tod, da sagt sie: Mach einfach in die Hose!

HÄÄÄ????

Was für ein radikaler Gedanke, was für ein Verrat an deiner hart erarbeiteten männlichen Unabhängigkeit – du kannst kaum glauben, dass sie das gesagt hat. Ich soll in die Hose machen?, fragst du. Ja, mach in die Hose, sagt sie. Ist doch egal. Sobald wir nach Hause kommen, kommen deine Sachen in die Wäsche. Und so geschieht es…“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in jenem Moment ein weiblicher Jesus am Steuer jenes blauen DeSoto saß: Die Mutter der Mütter sozusagen! Und dass das, was sie aus dem Augenblick heraus, aus der Not, aus der Dringlichkeit einer zur Detonation bereiten Harnblase empfahl, nichts mit jener „Gnade“ zu tun hatte, die frühere Kirchenlehrer fein säuberlich noch in eine „gratia praeveniens“ und eine „gratia cooperans“ aufdröselten. Eher handelte es sich um eine ebenso radikale wie abgeklärte Hilfsbereitschaft, die nie die Nerven verliert, auch wenn alles in die Hosen geht. Peinlichkeiten sind ihr egal. Das Ganze geschieht ohne jedes asymmetrische Gefälle, ohne großes Getöse, ohne Rücksicht auf die sicherlich sehr fleckenempfindlichen Rücksitze eines brandneuen DeSoto Costum 4 door und schließlich auch ohne Rücksicht auf alle imaginären, ebenfalls sehr fleckenempfindlichen Männlichkeitsgefühle.

Nicht ganz so sicher bin ich mir, ob ich es so radikal formulieren darf: Wer missverstehen will, hat hier seine Gelegenheit. Andererseits, warum nicht? Das ganze theologische Konstrukt aus „Leiblichkeit“ und „Erbsünde“, „Vergebung“ und „Erlösung“, „sola gratia“ und „sola fide“ mag „gute Christen“ zur rechten Zeit auf die Toilette gehen lassen, nicht jeder Mensch jedoch ist Christ. Und das ist gut so. Der weibliche Jesus am Steuer einer amerikanischen Mittelstandslimousine aus den 50er Jahren braucht keine Theologie, um eine Lösung, eine „Erlösung“ zu finden. Und wenn es dabei ein bisschen schmutzige Wäsche gibt, was soll’s? – Kommt in die Waschmaschine seiner/ihrer göttlichen Gelassenheit …


Foto: By Bill McChesney from USA (1950 DeSoto 4 Door Custom Carry-All)

[CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

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