Eugen Roth und der Pranger

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Dürfen sich Christen (öffentlich) streiten?

(lr.) „Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.“

Mit deftigen Worten wartet der Apostel Paulus im Brief an die Galater auf.

Dass wir als Christen (nicht selten sogar diametral) unterschiedlicher Meinung sein können – geschenkt. War vor 2000 Jahren so, ist heute so. Wird so bleiben.

Ich kenne die ruhigen Vertreter, die Diplomaten. Nicht draufhauen, das macht doch alles nur kaputt. So ihre Maxime. Bloß kein Geschirr zerschlagen.

Agape-Liebe als Konfliktvermeidung, leise treten in falsch verstandener Demut.

Macht das einen Christen aus?

Jesus-Nachfolger als sanftmütige, geduldige Schafe. Wir tun niemandem weh. Auch dem dümmsten christlichen Fundamentalisten nicht (so etwas würde ein nicht-Geschirr-zerschlagender Christ natürlich nie sagen).

Denken schon – denke ich.

Wir legen einen frömmelnden Schleier des auf-gar-keinen-Fall-richten-wollens über die Christen, die uns richtig auf den Zeiger gehen, wegen derer wir uns fremdschämen und unseren agnostischen und atheistischen Freunden gegenüber in arge Argumentations- und Rechtfertigungsnot kommen.

Macht das einen Christen aus?

Darf ich gar nicht reflektieren und mich auch vom Glauben meiner Glaubensgeschwister distanzieren? Also ihn mal in Ruhe, mit Abstand, aus der Distanz anschauen? Und meinen eigenen Glauben auch?

Darf ich mich nicht fragen: Hallo, glauben die an den gleichen Gott, an den gleichen Jesus wie ich?

Muss ich jede Show, jede Geschäftemacherei, jede eitle Selbstdarstellung, jede Gewalt durch unterdrückte freie Meinungsäußerung, jede bodenlose Dummheit, jedes unreflektierte Schwarz-Weiß-Denken, jede amerikanische Mega-Oberflächlichkeit einfach so kritiklos erdulden? Verlangt Gott das von mir?

Erhebe ich  mich schon in diesen Zeilen über nahe und ferne Glaubensgeschwister? Steht mir das zu? Oder suhle ich mich grad in grenzenloser Selbstgerechtigkeit?

Tappe ich in die Falle des Pharisäismus? Zeigen immer meine eigenen Finger auch auf mich, wenn ich auf andere zeige?

Hat Eugen Roth normativ und kategorisch recht, wenn er schreibt:

Ein Mensch
betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! Rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin.

Wie wäre es denn, wenn wir mehr und mehr eine Diskussions- und Streitkultur leben könnten, die den anderen auf jeden Fall und unbedingt achtet, auch wenn ich in manchen, in vielen Punkten ganz anderer Meinung bin?

Wie würde uns unsere Umwelt wahrnehmen, wenn wir hart in der Sache streiten würden und gleichzeitg als Glaubensgeschwister barmherzig und sanftmütig miteinander umgehen würden, weil wir den gleichen Vater haben?

Ich finde es richtig, gewisse Dinge „anzuprangern“.

Immer in dem Wissen, dass alle unsere Erkenntnis Stückwerk ist. Dass ich auch total falsch liegen kann. Und der andere „richtig“. So what?

Wenn wir aber verlernen, konstruktiv zu streiten, dann verlieren wir gänzlich unser Profil und bereiten den Boden für christliche Profilneurotiker, von denen wir – leider Gottes – schon mehr als genug haben.

Und wenn ich auch meinte, die Wahrheit zu kennen, den einzig richtigen Weg zu gehen, nur das Beste zu wollen, andere vor ihrem Unglück bewahren zu wollen –
und hätte keine Liebe – so wäre ich nichts.

unsplash-logoGem & Lauris RK unsplash-logoGabriel Matula

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