„Heimat“ oder: Von Erdbeeren und Kirschen

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(st.) Vimal kommt aus Indien, genauer gesagt aus dem indischen Bundesstaat Kerala und lebt seit einer gefühlten Ewigkeit in Deutschland. Als ich Vimal einmal fragte, ob er seine Heimat vermisse, lachte er nur und sagte: „Weißt du, was der Unterschied zwischen uns und euch ist? Wir sind Erdbeeren, ihr Kirschen!“ – Ich machte ein dummes Gesicht, er fuhr fort: „Wenn du in eine Erdbeere beißt, beißt du in eine Erdbeere und kannst dich ganz an ihrem Geschmack erfreuen. Wenn du in eine Kirsche beißt, ist da immer ein Kern.“ – „Ja und?“ fragte ich und begriff noch immer nichts. – „Dieser Kern, das ist eure „Heimat“. Ihr Deutschen habt immer einen Kern. Heimat ist für euch eine schrecklich wichtige Sache.“ – „Und Ihr?“ fragte ich zurück. – „Wir haben auch eine Heimat, vielleicht sogar zwei oder drei oder ganz viele, aber man beißt nicht ständig darauf. Bei den Erdbeeren sind die Kerne ganz außen in den kleinen grünen Punkten. Man kann sie mitessen, ohne Bauchweh zu bekommen!“

Bauchweh war ein gutes Stichwort: Tatsächlich bekomme ich bei dem Begriff „Heimat“ gerne Bauchweh. Aber nicht, weil dieser Begriff so hart ist, sondern ganz im Gegenteil, weil er weich und schwabbelig und irgendwie klebrig ist. „Heimat“ seufzt der eine und erzählt von einem Hinterhof in Wanne-Eickel; „Heimat“ seufzt der andere und erzählt von Schwarzwaldtannen im Abendrot; „Heimat“ seufzt ein Dritter und beißt stöhnend in seine Wurstsemmel. Ich habe kein Problem damit. Jeder trägt sein ganz persönliches Päckchen mit sich herum. Aber warum immer dieses sentimentale Getue?? Ist Heimat das große Lutschbonbon der erinnerten Sehnsucht? Der Sehnsucht nach einem Ort, an dem man mit sich und seiner Umwelt in rosaroter Harmonie lebt? Wo alles ist wie es ist und man unter Menschen lebt, die man kennt und die einen kennen? – Gegenfrage: Wer möchte ewig an ein und demselben Ort leben, wo alles ist wie es ist und man immer denselben Menschen begegnet? – Grausam!!

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Das sagte nicht Vimal, sondern Theodor Fontane. Von welcher Fremde spricht der Theo da? Von der Fremde des Touristen, der sich nach drei Wochen Malediven wieder auf Schwarzbrot und Herbstnebel freut? Oder von der Fremde des Flüchtlings aus Mali, der in einem bayerischen Asylantenheim interniert ist und zu Gott betet, nicht abgeschoben zu werden? Kitschige Verklärung kann der sich nicht leisten. Weder der Förster vom Silberwald noch die Sennerin von St. Kathrein warten dort, von wo er herkommt, auf ihn, sondern nichts als Hunger und Elend. Ungefähr 180 Millionen Menschen leben derzeit weltweit als Migranten. Wenn sie jemals eine Heimat bekommen wollen, dann müssen sie sich eine machen, und zwar in der Fremde! In Bayern ist das erfahrungsgemäß nicht ganz einfach – hier, wo man neuerdings Kreuze aufhängt, um klar zu machen, dass „Heimat“ nur waschechten Lederhosenträgern gehört. Will heißen: Heimat, das ist nicht nur die Kartoffel, die im Spiegel der Fremde zu einem Kleinod mutiert. Das ist oft auch und vor allem ein Kampfbegriff, der den anderen Heimat verwehrt.

„Ubi bene, ibi patria“, sagte der Lateiner: „Wo es mir gut geht, dort ist meine Heimat“. Das ist sehr vernünftig und irgendwie auch sehr bescheiden. Mehr kann man in einer globalisierten Welt nicht erwarten. Und mehr sollte man auch nicht erwarten. Die warme Ofenbank und der Geruch von Wachskerzen und Lebkuchen sind Kitsch.

Zu meiner Schande freilich muss ich Folgendes gestehen: Vor Jahren hielt ich mich für ein paar Wochen am 1. Nilkatarakt auf, wo man für den Bau des Assuan-Staudamms mehrere Dörfer flussaufwärts einfach geflutet und an anderer Stelle wieder neu aufgebaut hatte. Die Bewohner nahmen‘s gelassen und zeigten mir ihre frischen Betonhäuser. „Heimat?“, fragte ich (… was nicht ganz einfach war, denn der Übersetzer kapierte das Wort „Heimat“ zunächst gar nicht…) – „Ja ja!!“, sagten sie nur. Eines Abends ging ich durch eines dieser Dörfer zurück zum Wagen. In den Häusern wurde gekocht und es roch nach Sesam und Koriander, Joghurt und Bohnen, Lamm und Fladenbrot. Es war stockdunkel und ich war mutterseelenallein. Und plötzlich hörte ich ein paar Töne, Klaviertöne, sehr langsam und sehr konzentriert. Ich erkannte es sofort: Das C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier. Ich blieb stehen, holte tief Luft und seufzte. Irgendwas in mir vibrierte, wahrscheinlich ein Kern. Vimal hatte völlig Recht: Wir Deutschen sind Kirschen …


unsplash-logoIwona Łach

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